Nach

Agilität innerhalb oder außerhalb der IT?

Ich treffe immer wieder auf die Frage, ob wir von Agilität in der IT oder außerhalb der IT sprechen. Und ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig Wissen oder Informiertheit da zu sein scheint, obgleich alle darüber sprechen. In meinem kürzlichen Post über den eigentlichen Sinn von Agilität (siehe Beyond Agile) habe ich bereits ausführlich erläutert, dass es doch gar nicht um Agile geht – hierzu folgt von unserer Seite eine komplette Serie zur Adaptiven Organisation, einem Kernthema unseres hauseigenen Leistungsangebots.

Also nun nochmals zur verblüffenden Frage “Agilität in oder außerhalb IT?”. Nun ja, die Verwirrung bei vielen ist verständlich, wenn man sieht, dass oftmals kaum Erfahrung vorliegt und der Fokus bislang lediglich auf Überschriften lag. Ein Phänomen, das mit den meisten Hypes einhergeht, die zwar sehr viele anziehen, aber auch für Unwissen sorgen und dieses womöglich verstärken. Agilität außerhalb der IT? Nun, was denn! Da kommts ja eigentlich auch her. All die agilen Herangehensweisen, die sich irgendwann nach 5-10 Jahren praktischer Erfahrung unter dem Titel “Agile Methoden” einreihten, haben ihre Inspiration außerhalb der IT gefunden. Dabei war die japanische Automobilindustrie, allen voran Toyota großes Vorbild. Diese hatten ihre Inspiration wiederum von großen Vordenkern des General Managements oder des Qualitätsmanagements aus den USA (z.B. Edward Deming) geschöpft. Aber auch Konzepte aus dem modernen Produktmanagement, so wie es Canon, Honda, Xerox etc. praktizierten, und wie es an der Harvard University erforscht und publiziert wurde, gaben der sogenannten agilen Softwarenentwicklung ihre Basis. Also, erst mal: die agile Softwarentwicklung fußt auf den Prinzipien moderner Unternehmensführung.

Lokale Optima sind in jedem Fall sinnlos

Aber natürlich macht es keinen Sinn, die Softwareentwicklung allein unheimlich agil zu betreiben, während die Umgebung immer noch klassische Vorgehen praktiziert. Wenn die Nahtstellen zu Stakeholdern, zu den Märkten, zu Partnern und Lieferanten in der Lieferkette, zu jenen, die unsere Leistungen empfangen – egal ob Rechenzentren oder Auftraggeber – weiter nach alten Mustern arbeiten, dann kann das Gesamtsystem keine sinnvolle Wirkung entfalten. Im Falle von Scrum sprechen wir dann schon mal ganz gern von einem “WaterScrumFall”. Es fehlt an Feedbackschleifen auf unterschiedlichsten Ebenen, das ein kollektives Lernen und adaptives Steuern ermöglichen würde. In jedem Fall ist die Wahrscheinlichkeit einer Suboptimierung des Gesamtsystems “Unternehmen” sehr hoch. Im Sinne von Fokus und Kürze verzichte ich auf Details an dieser Stelle und verweise beispielsweise auf die Theory of Constraints. Also: agile Arbeitsweisen machen im Endeffekt nur dann Sinn, wenn Agilität im Gesamtkontext – also vom Kunden zum Kunden (“end-to-end”) adressiert wird.

Überall spricht man mittlerweile Agile

Last, but not least noch ein Hinweis auf Fakten: agile Arbeitsweisen sind im Sinne von Business Agility längst wieder in jenen Bereichen außerhalb von IT angekommen. Wir setzen derartige Konzepte in der Begleitung unterschiedlichster Branchen und durchwegs auch abseits von IT-Abteilungen (z.B. Pharma, Marketing und Medien, Lebensmittelindustrie) in die Tat um. Und wir arbeiten gemeinsam mit der Unternehmenleitung, mit Abteilungen wie HR oder Recht an gesamtheitlichen Konzepten, die eine adaptive Organisation fördern. Und so finden sich auch anderenorts in zahlreichen Branchen, ebenso in der Unternehmensberatung die Nutzung oder Implementierung agiler Methoden wie z.B. Agile Führung, Scrum oder Kanban. Das Projekt WikiSpeed nutzt und unterrichtet Scrum für Engineering-Prozesse. Das Projekt eduScrum nutzt Scrum für die Schulbildung. Die Liste der möglichen Beispiele würde den Rahmen sprengen. Also: agile Arbeitsweisen werden heute in beinahe allen denkbaren Bereichen der Wirtschaft, aber auch im Umfeld von Non-Profit Organisationen erfolgreich genutzt.

Business macht doch auch nur mit IT überhaupt Sinn

Am Ende noch ein kleiner Seitensprung: die Frage nach IT oder nicht IT ist eigentlich ebenso hinfällig. Kaum ein Produkt oder eine Dienstleistung, die ohne IT noch Zukunft hätte. Spätestens mit dem Internetzeitalter kann kaum ein Unternehmer ohne integrale IT noch überleben – und die Überlebensfrage ist mit Disruption durch Mobile, Apps und Vernetzung bereits eingeläutet. Spätestens mit dem “Internet of Things” wird IT quasi Bestandteil des Produkts. Die IT-Funktion wird also auch organisatorisch die Silo-Struktur beenden  und in den eigentlichen Leistungseinheiten aufgehen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Conclusio

Nochmals zusammengefasst: agile Arbeitsweisen stammen nicht aus der IT, würden alleinig in der IT keinen Nutzen bewirken und sind vor allem faktisch weit über die IT hinaus verbreitet. Kaum ein agiles Beratungshaus, das seine Kunden nicht außerhalb der klassischen IT-Domäne betreuen würde. Damit ist klar: es geht schon längst nicht mehr um agile Softwareentwicklung allein, sondern vorwiegend um Business Agility.

Mike Leber

Mike Leber

Executive Consultant, Agile Coach and Trainer at Agile Experts
Agile is my passion and Adaptive Organizations are my focus. I coach organizations, leaders, teams and help my clients to grow their own capabilities, making them fitter for the future. I am an Agile Coach, a Scrum trainer (also for Scrum in Hardware), an Accredited Kanban Trainer (LKU), a Management 3.0 and Lean Change facilitator.
Mike Leber
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